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Nachts sind die Menschen anders

Heute war wieder eine dieser Nächte, in denen ich Geld verdiene. Es war bewölkt und nieselte leicht, aber die Temperatur war angenehm. Auf dem Heimweg von der Arbeit fande ich wieder eine Zeitung in der U-Bahn, wieder eine Süddeutsche. Bald kann ich eine Statistik darüber erstellen, zu welcher Tageszeit man welche Zeitung am häufigsten in Münchner U-Bahnen findet! Sonst war es recht leer, vielleicht drei oder vier weitere Fahrgäste. An einem präzise vordefiniertem Bahnhof stieg ich aus. Leider fuhr der Anschlussbus noch nicht. Ich war eine halbe Stunde zu früh. Aber warten wollte ich nicht.

Also ging ich zu Fuß los. Ich dachte mir, es wäre doch ganz nett, wenn mich eines der vorbeifahrenden Autos mitnehmen würde. Eigentlich war es doch offensichtlich, dass ich mitgenommen werden wollte! Warum sollte ich sonst mit einem Rucksack und Regenjacke nachts um halb zwei zu Fuß die Münchner Stadtgrenze verlassen und neben einer Landstraße langgehen? Nach Spaziergänger sah ich einfach nicht aus. Ich dachte: Für Autofahrende, die mich erblickten, bliebe als einzige Schlussfolgerung übrig, dass nicht mein Gehen als solches mein Ziel ist, sondern dass ich einen Ortswechsel anstrebte und mich deshalb sicherlich freuen würde, wenn mich jemand mitnähme. Aber niemand dachte so, wie ich dachte, dass sie zu denken hätten. Vielleicht dachte man auch einfach überhaupt nicht. Es hielt jedenfalls kein Auto an.

Ich entschied zu rennen. Vielleicht würde das helfen? Ein Rennender sieht im Allgemeinen hilfsbedürftiger aus! Ich rannte und rannte und rannte. Ich rannte eine ganze Weile. Und dann kam das Auto! Es hielt an! Es funktionierte! Der Fahrer fragte, wo ich denn hin müsse! Perfekt. :-) Mit Google-Maps habe ich just nachgemessen, dass ich 64% der absoluten Strecke gerannt bin. Die letzten 36% des Weges wurde ich von einem sehr freundlichen Fremden im Auto mitgenommen. Dort lag eine Matratze und ein paar Decken, vielleicht noch ein Koffer. Der Fahrer meinte, er hätte gesehen, dass ich es eilig hatte. „Ähh… ja… eigentlich will ich nur schnell ins Bett und schlafen!“

Das muss einen komischen Eindruck bei ihm hinterlassen haben. Jemand ist totmüde und rennt deswegen? Dann kann er ja nicht müde sein. Ich lenkte das Gespräch auf ein anderes Thema. Er erzählte, er sei gerade dabei umzuziehen, daher auch die Matratze im Auto. Er zog genau in den Ort, wo ich wohnte und meinte: „Sehr idyllisch hier!“. Fande ich nett. Ich wünsche ihm ein herzliches willkommen hier im nachtbuslosen Münchner Idyllenland, das durch geschicktes Rennen gar nicht so weit von München weg ist, wie man erst denkt.

4 Antworten auf „Nachts sind die Menschen anders“

Sehr faszinierend, wie weit man ohne Misstrauen kommen kann. Noch faszinierender, dass jemand angehalten hat… ich finde rennende Personen übrigens verdächtiger als gehende. ;)
Du hast wohl echt Glück gehabt!

hast du die hand à la „per anhalter“ rausgestreckt? dann halten die autos nämlich wahrscheinlicher an :P ist bei mir zumindest der fall gewesen.. war aber auch nur einmal und tagsüber

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