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Satire

In der Stadthalle hatte man sich versammelt, um gemeinsam darüber abzustimmen, mit welchem Bein voran man morgens aus dem Bett steigen sollte.
„Links!“, stieß ein Spindeldürrer in grüner Filzhose hervor.
Wüsste man von zwei Behauptungen, dass nur eine der beiden zutreffe, so genüge es – das stellte der Dürre jedenfalls fest – nach der falschen zu suchen, um so auf die einzig verbliebene als richtig zu schließen.
Das leuchtete den Meisten ein und selbst ein glatzköpfiger Bauer pflichtete ihm nickend bei, obgleich er den Dürren statt „genüge“ „Gemüse“ hatte sagen hören.
Folgendermaßen verfuhr der Dürre nun weiter:
Die vorherrschenden Neigungen, beim Aufstehen das rechte dem linken, bzw. das linke dem rechten Bein vorzuziehen, einander gegenübergestellt, erste flink abgetan und so, wie er es doch erklärt hatte, auf die letzte „einzig verbliebene als richtig geschlossen“.
Empört war indes ein dicker Mann mit Zylinder aufgesprungen:
„Schenkt diesem Gimpel keinen Glauben!“, brüllte er.
„Schuster ist er und stets auf nichts außer den eigenen Vorteil bedacht. Nur ein Esel begegnet seinen Worten nicht mit größtem Misstrauen. Schreit dieser Halunke ‚Links!’, so fordere ich Rechts!“
„Papperlapapp!“, zischte eine Krämerfrau, die von einer fröhlichen Kinderschar umtobt wurde.
„Zehn Bälger erblickten durch mich nun schon das Licht der Welt, aber keinem erlaubte ich es, seinem Bettchen mit dem rechten Fuß voraus zu entschlüpfen. Gesund und munter sind sie. Seht ihre pausbackigen, runden Gesichter.“ Während sie dies sagte, ergriff sie einen der Burschen am Schopf und zog diesen, als Beweis dafür, dass sie die Wahrheit gesprochen hatte, empor.
Unerwähnt blieb das elfte, jüngste Kind, ein Mädchen, das, an Masern erkrankt, zuhause bleiben musste.

Vor den Toren der Stadthalle lief erbost eine Horde junger Knechte und Handwerker auf und ab. Sie waren im Vorfeld vom Treffen ausgeschlossen worden, weil sie der Ansicht waren, es spielte keine Rolle, mit welchem Bein man zunächst das Bett verließ; Man solle vielmehr darauf achten, zuerst mit den Zehen aufzutreten, eine Meinung die sie jedoch nicht mit all jenen teilten, die, ebenfalls am Beiwohnen der Versammlung gehindert, auf der gegenüberliegenden Seite der Halle predigten, der Boden sei als erstes mit dem Fußballen zu berühren.

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